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Johann Wolfgang Goethe

Götz von Berlichingen

Lebensbeschreibung des Ritters Götz von BerlichingenGötz und Bruder Martin an Waldherberge

Literarischer Aufsatz 1

Textstelle: Seite 29, Zeile 31 - Seite 32, Zeile 16

J a g s t h a u s e n

Maria. Weislingen.

M a r i a. Ihr liebt mich, sagt Ihr. Ich glaub es gerne und
  hoffe, mit Euch glücklich zu sein und Euch glücklich zu
  machen.
W e i s l i n g e n. Ich fühle nichts, als nur daß ich ganz
  dein bin. (Er umarmt sie.)

M a r i a. Ich bitte Euch, laßt mich. Einen Kuß hab ich
  Euch zum Gottespfennig erlaubt; Ihr scheint aber
  schon von dem Besitz nehmen zu wollen, was nur
  unter Bedingungen Euer ist.
W e i s l i n g e n. Ihr seid zu streng, Maria! Unschuldige
  Liebe erfreut die Gottheit, statt sie zu beleidigen.
M a r i a. Es sei! Aber ich bin nicht dadurch erbaut. Man
  lehrte mich: Liebkosungen sein wie Ketten, stark durch
  ihre Verwandtschaft, und Mädchen, wenn sie liebten,
  sein schwächer als Simson nach Verlust seiner Locken.
W e i s l i n g e n. Wer lehrte Euch das?
M a r i a. Die Äbtissin meines Klosters. Bis in mein sech-
  zehntes Jahr war ich bei ihr, und nur mit Euch emp-
  find ich das Glück, das ich in ihrem Umgang genoß.
  Sie hatte geliebt und durfte reden. Sie hatte ein Herz
  voll Empfindung! Sie war eine vortreffliche Frau.
W e i s l i n g e n. Da glich sie dir! (Er nimmt ihre Hand.)
  Wie wird mir's werden, wenn ich Euch verlassen soll!
M a r i a (zieht ihre Hand zurück). Ein bißchen eng,
  hoff ich, denn ich weiß, wie's mir sein wird. Aber Ihr
  sollt fort.
W e i s l i n g e n. Ja, meine Teuerste, und ich will. Denn
  ich fühle, welche Seligkeiten ich mir durch dies Opfer
  erwerbe. Gesegnet sei dein Bruder, und der Tag, an
  dem er auszog, mich zu fangen!
M a r i a. Sein Herz war voll Hoffnung für ihn und
  dich. »Lebt wohl!« sagt' er beim Abschied, »ich will
  sehen, daß ich ihn wiederfinde.«
W e i s l i n g e n. Er hat's. Wie wünscht ich, die Ver-
  waltung meiner Güter und ihre Sicherheit nicht durch
  das leidige Hofleben so versäumt zu haben! Du könn-
  test gleich die Meinige sein.
M a r i a. Auch der Aufschub hat seine Freuden.
W e i s l i n g e n. Sage das nicht, Maria, ich muß sonst
  fürchten, du empfindest weniger stark als ich. Doch
  ich büße verdient; und welche Hoffnungen werden
  mich auf jedem Schritt begleiten! Ganz der Deine zu
  sein, nur in dir und dem Kreise von Guten zu leben,
  von der Welt entfernt, getrennt, alle Wonne zu ge-
  nießen, die so zwei Herzen einander gewähren. Was

  ist die Gnade des Fürsten, was der Beifall der Welt
  gegen diese einfache Glückseligkeit? Ich habe viel ge-
  hofft und gewünscht, das widerfährt mir über alles
  Hoffen und Wünschen.

(Götz kommt.)

G ö t z. Euer Knab ist wieder da. Er konnte vor Müdig-
  keit und Hunger kaum etwas vorbringen. Meine Frau
  gibt ihm zu essen. So viel hab ich verstanden: der Bi-
  schof will den Knaben nicht herausgeben, es sollen
  Kaiserliche Kommissarien ernannt und ein Tag ausge-
  setzt werden, wo die Sache dann verglichen werden
  mag. Dem sei, wie ihm wolle, Adelbert, Ihr seid frei;
  ich verlange weiter nichts als Eure Hand, daß Ihr ins-
  künftige meinen Feinden weder öffentlich noch heim-
  lich Vorschub tun wollt.
W e i s l i n g e n. Hier faß ich Eure Hand. Laßt, von
  diesem Augenblick an, Freundschaft und Vertrauen,
  gleich einem ewigen Gesetz der Natur, unveränderlich
  unter uns sein! Erlaubt mir zugleich, diese Hand zu
  fassen (er nimmt Mariens Hand) und den Besitz des
  edelsten Fräuleins.
G ö t z. Darf ich ja für Euch sagen?
M a r i a. Wenn Ihr es mit mir sagt.
G ö t z. Es ist ein Glück, daß unsere Vorteile diesmal
  miteinander gehn. Du brauchst nicht rot zu werden.
  Deine Blicke sind Beweis genug. Ja denn, Weislingen!
  Gebt Euch die Hände, und so sprech ich Amen! -
  Mein Freund und Bruder! - ich danke dir, Schwester!
  Du kannst mehr als Hanf spinnen. Du hast einen Fa-
  den gedreht, diesen Paradiesvogel zu fesseln. Du siehst
  nicht ganz frei, Adelbert! Was fehlt dir? Ich - bin
  ganz glücklich; was ich nur träumend hoffte, seh ich,
  und bin wie träumend. Ach! nun ist mein Traum aus.
  Mir war's heute nacht, ich gäb dir meine rechte eiserne
  Hand, und du hieltest mich so fest, daß sie aus den
  Armschienen ging wie abgebrochen. Ich erschrak und
  wachte drüber auf. Ich hätte nur fortträumen sollen,
  da würd ich gesehen haben, wie du mir eine neue le-
  bendige Hand ansetztest - Du sollst mir jetzo fort,
  dein Schloß und deine Güter in vollkommenen Stand

  zu setzen. Der verdammte Hof hat dich beides ver-
  säumen machen. Ich muß meiner Frau rufen. Elisabeth!
M a r i a. Mein Bruder ist in voller Freude.
W e i s l i n g e n. Und doch darf ich ihm den Rang strei-
  tig machen.
G ö t z. Du wirst anmutig wohnen.
M a r i a. Franken ist ein gesegnetes Land.
W e i s l i n g e n. Und ich darf wohl sagen, mein Schloß
  liegt in der gesegnetsten und anmutigsten Gegend.
G ö t z. Das dürft Ihr, und ich will's behaupten. Hier
  fließt der Main, und allmählich hebt der Berg an, der,
  mit Äckern und Weinbergen bekleidet, von Euerm
  Schloß gekrönt wird, dann biegt sich der Fluß schnell
  um die Ecke hinter dem Felsen Eures Schlosses hin.
  Die Fenster des großen Saals gehen steil herab aufs
  Wasser, eine Aussicht viel Stunden weit.

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Arbeitsanweisungen


Lösungsvorschlag von Ingo FALK

Johann Wolfgang Goethe dramatisierte 1771 in seinem Werk "Götz von Berlichingen" die Denkwürdigkeiten des Ritters Götz, dessen Lebensbeschreibung 1731 erschienen war und offenbar die Fantasie des jungen Dichters der Sturm und Drang Epoche beflügelte.

In der vorliegenden Textstelle spielt sich der Heiratsantrag Adelberts von Weislingen an Götzens Schwester Maria ab. Weislingen ist Götzens Gefangener auf Schloss Jagsthausen, nachdem er, obwohl ebenfalls ein Freiherr wie Götz von Berlichingen, als Vasall des Bischofs von Bamberg infolge einer Fehde zwischen dem Bischof und Götz in dessen Hände gefallen war. Weislingen ist also eigentlich Götzens unmittelbarer Gegenspieler in diesem Konflikt.

Die Szene setzt ein mit einem Dialog zwischen Weislingen und Maria, in dem Maria offenbar auf die Liebeserklärung Weislingens antwortet (Seite 29, Zeile 31ff.). Weislingen, der sich sicherlich Vorteile für seine Situation als Gefangener erhofft, gibt sich ganz als großer Liebhaber, der seiner Angebeteten schmeichelt (Seite 29, Zeile 36ff.). Maria, die allzu große Zudringlichkeit mit dem Verweis auf "Bedingungen" (Seite 30, Zeile 4) zurückweist, hat bereits vom Ruf Weislingens als Frauenheld durch ihren Bruder erfahren und ist sich der Gefahr bewusst. In diesem Moment und im weiteren Verlauf der Handlung zeigt sich deutlich, dass die beiden Frauen - Götzens Frau Elisabeth und seine Schwester Maria - die weitaus vorsichtigeren Charaktere im gesamten Drama darstellen. Im Folgenden führt Maria Lehren aus der Zeit, in der sie in einem Kloster aufwuchs, an, nach denen "Liebkosungen [...] wie Ketten" (Seite 30, Zeile 8) seien und nimmt mögliche Einwände Weislingens gleich vorweg, in dem sie sagt, die Äbtissin des Klosters sei nicht weltfremd gewesen, sondern hätte aus Selbsterfahrung gelehrt (Seite 30, Zeile 12ff.). Als Maria anschließend ihre Hand von Weislingen zurückzieht, bekräftigt sie ihre Zweifel (Seite 30, Zeile 19). Hände haben auch später in dieser Szene noch große symbolische Bedeutung.

Nun erwähnt Maria, dass ihr Bruder bereits hoffte, seinen alten Jugendfreund "wiederzufinden" (Seite 30, Zeile 28), als er in die Fehde auszog. Hier kommt klar das unvoreingenommene, gutgläubige Wesen Götzens zum Vorschein, der selbst in seinen erbittertsten Widersachern noch das Gute sieht. Die Äußerung Weislingens, erst "die Verwaltung" seiner "Güter" (Seite 30, Zeile 29ff.) in Ordnung bringen zu müssen, entlarvt seine Karrieresucht und relativiert seine Schmeicheleien. Maria erkennt dies und mit den Worten, "auch der Aufschub hat seine Freuden" (Seite 30, Zeile 33) stellt sie ihn auf die Probe. Jedoch auch sie erhofft sich Gewinn aus dieser Beziehung, denn Weislingen stellt für sie einen Mann von Welt dar - im Gegensatz zu ihrer eigenen Perspektive in der Obhut ihres Bruders auf Schloss Jagsthausen.

Jetzt betritt Götz die Bildfläche mit der Nachricht, dass der Knabe Weislingens gekommen sei (Seite 31, Zeile 5f.). Auch in dieser Situation zeigt Götz von Berlichingen mehrfach seinen Charakter der offenen und ebenso naiven Mitmenschlichkeit. Er lässt den Knaben seines einstigen Widersachers von seiner Frau bewirten, während dieser ihm auch noch schlechte Nachrichten vom Verbleib seines eigenen Knaben, der sich in der Gewalt des Bischofs befindet, verkündet (Seite 31, Zeile 5ff.). Anschließend reicht er - Götz - Weislingen die Hand und erklärt ihn für frei, verlangt dafür jedoch lediglich dessen Ehrenwort (Seite 31, Zeile 12ff.). Weislingen greift allerdings nicht nur nach Götzens Hand, sondern hält gleichzeitig auch noch um die Hand seiner Schwester Maria an (Seite 31, Zeile 16ff.). Als Götz Maria fragt, ob sie denn auch wolle, prallen seine Gutgläubigkeit einerseits, die Zweifel seiner Schwester und die offensichtliche Falschheit Weislingens offen aufeinander (Seite 31, Zeile 22ff.).

In der Folge wird selbst der unheilvolle Traum der vorangegangenen Nacht von Götz falsch gedeutet - er ist sogar am Tag "wie träumend" (Seite 31, Zeile 33). In diesem Moment, die Szene gehört noch zur Exposition des Dramas, wird uns Götz von Berlichingens Wesen mit all seinen Fehlern eindrucksvoll beschrieben - alle Zweifel werden von unerschütterlichem Optimismus weggewischt. Auch als er selbst andeutet, dass Weislingens Güter in solch schlechtem Zustand seien, dass sie wohl kaum eine Familie ernähren könnten, lässt er sich wieder bei der Beschreibung dessen geografischer Lage einlullen (Seite 31, Zeile 39ff.). Er ist, wie seine Schwester Maria anmerkt, "in voller Freude" (Seite 32, Zeile 3) und ohne Blick für die Realität.

Doch Maria wird bitter enttäuscht werden, denn Weislingen lässt sie schon bald sitzen und zieht ihr die schönere, reichere und einflussreichere Adelheid von Walldorf vor. Obwohl Maria später einen anderen heiratet, zeigt sie am Ende der Handlung immer noch Zuneigung für Weislingen, in dem sie ihm, trotzdem das Leben ihres Bruders von Weislingen abhängt, Trost spendet, da dieser seinen Fehler, auf die kaltherzige Adelheid hereingefallen zu sein, erkennt - und mit dem Leben bezahlt. Das lässt ihre geschwisterliche Seelenverwandtschaft zu Götz von Berlichingen erkennen.

Die bittere Ironie dieser Szene (Seite 105, Zeile 11ff.) wurde von Goethe ganz bewusst gewählt. Dem einstigen Frauenheld Weislingen wird ausgerechnet von der Frau, die er ins Unglück stürzte, in seiner Todesstunde vor Augen geführt, dass der wahre Ritter sich durch Barmherzigkeit auszeichnet. Seine innere Zerrissenheit lässt ihn zunächst an Wahn glauben, doch der "Engel des Himmels" der ihm die "Qualen der Hölle" (Seite 105, Zeile 20f.) bringt, ist wahrhaftig erschienen, um Götzens Begnadigung zu erbitten. Doch nicht nur sprachlich macht Goethe dabei den Gegensatz der Figuren deutlich. Weislingen kann Maria das Gnadengesuch für Götz nicht ablehnen, während er selbst durch das Gift von Adelheid stirbt.

Literarischer Aufsatz 2

Textstelle: Seite 58, Zeile 22 - Seite 59, Zeile 38

(Götz kommt.)

S i c k i n g e n. Was bringt Ihr, Schwager?
G ö t z. In die Acht erklärt!
S i c k i n g e n. Was?
G ö t z. Da lest den erbaulichen Brief. Der Kaiser hat
  Exekution gegen mich verordnet, die mein Fleisch den
  Vögeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem
  Felde zu fressen vorschneiden soll.
S i c k i n g e n. Erst sollen sie dran. Just zur gelegenen
  Zeit bin ich hier.
G ö t z. Nein, Sickingen, Ihr sollt fort. Eure großen An-
  schläge könnten darüber zugrunde gehn, wenn Ihr zu so
  ungelegner Zeit des Reichs Feind werden wolltet. Auch
  mir werdet Ihr weit mehr nutzen, wenn Ihr neutral zu
  sein scheint. Der Kaiser liebt Euch, und das Schlimm-
  ste, das mir begegnen kann, ist, gefangen zu werden;

  dann braucht Euer Vorwort und reißt mich aus einem
  Elend, in das unzeitige Hülfe uns beide stürzen könnte.
  Denn was wär's? Jetzo geht der Zug gegen mich; er-
  fahren sie, du bist bei mir, so schicken sie mehr, und
  wir sind um nichts gebessert. Der Kaiser sitzt an der
  Quelle, und ich wär schon jetzt unwiederbringlich
  verloren, wenn man Tapferkeit so geschwind einblasen
  könnte, als man einen Haufen zusammenblasen kann.
S i c k i n g e n. Doch kann ich heimlich ein zwanzig
  Reiter zu Euch stoßen lassen.
G ö t z. Gut. Ich hab schon Georgen nach dem Selbitz
  geschickt, und meine Knechte in der Nachbarschaft
  herum. Lieber Schwager, wenn meine Leute beisam-
  men sind, es wird ein Häufchen sein, dergleichen we-
  nig Fürsten beisammen gesehen haben.
S i c k i n g e n. Ihr werdet gegen die Menge wenig sein.
G ö t z. Ein Wolf ist einer ganzen Herde Schafe zu viel.
S i c k i n g e n. Wenn sie aber einen guten Hirten haben?
G ö t z. Sorg du. Es sind lauter Mietlinge. Und dann
  kann der beste Ritter nichts machen, wenn er nicht
  Herr von seinen Handlungen ist. So kamen sie mir
  auch einmal, wie ich dem Pfalzgrafen zugesagt hatte,
  gegen Konrad Schotten zu dienen; da legt' er mir
  einen Zettel aus der Kanzlei vor, wie ich reiten und
  mich halten sollt; da warf ich den Räten das Papier
  wieder dar und sagt: ich wüßt nicht darnach zu hand-
  len, ich weiß nicht, was mir begegnen mag, das steht
  nicht im Zettel, ich muß die Augen selbst auftun und
  sehn, was ich zu schaffen hab.
S i c k i n g e n. Glück zu, Bruder! Ich will gleich fort
  und dir schicken, was ich in der Eil zusammentreiben
  kann.
G ö t z. Komm noch zu den Frauen, ich ließ sie beisam-
  men. Ich wollte, daß du ihr Wort hättest, ehe du
  gingst. Dann schick mir die Reiter, und komm heimlich
  wieder, Marien abzuholen, denn mein Schloß, fürcht
  ich, wird bald kein Aufenthalt für Weiber mehr sein.
S i c k i n g e n. Wollen das Beste hoffen. (Ab.)

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Arbeitsanweisungen


Lösungsvorschlag von Ingo FALK

Das Drama "Götz von Berlichingen" wurde von Johann Wolfgang Goethe zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember 1771 geschrieben und dramatisiert die Lebensbeschreibung des Ritters Götz.

Die vorliegende Textstelle beschreibt die Situation, in der Götzens Freund Franz von Sickingen mit seiner Schwester Maria verlobt wird und er gleichzeitig von der Verhängung der Reichsacht gegen ihn erfährt. Maria, die von Weislingen ins Liebesunglück gestoßen wurde, ist offenbar in ihrer Verfassung leicht empfänglich für männliche Zuneigung.

Die Achterklärung gegen Götz geht auf seine Händel mit der freien Reichsstadt Nürnberg zurück und wurde vor allem von seinem Kontrahenten Weislingen forciert, der Götzens Ansehen aus Neid schmälern will.

Die Szene setzt ein, als Götz seinem zukünftigen Schwager Sickingen mitteilt, dass ihm die Acht erklärt wurde, indem er ihm den kaiserlichen Brief zeigt (Seite 58, Zeile 22ff.). Als Sickingen ihm sofort seine militärische Hilfe anbietet (Seite 58, Zeile 30), zeigt sich deutlich, wer seine wahren Freunde sind. Sie sind aus demselben Holz wie Götz geschnitzt, geradlinig und hilfsbereit, ohne Rücksicht auf eigene Gefahren - ein solches Angebot hätte er von seinem einstigen Jugendfreund Weislingen nie gemacht bekommen.

Daraufhin lehnt Götz jedoch ebenso uneigennützig ab, da er weiß, dass Sickingen ein hohes Ansehen bei Kaiser Maximilian genießt, bisher unbescholten ist und darüber hinaus höhere politische Ziele verfolgt, die durch eine offene Parteiergreifung für Götz gefährdet wären. Außerdem erhofft er sich durch dessen Einfluss spätere Hilfe in seiner vertrackten Situation (Seite 58, Zeile 32ff.).

Bei seinen Ausführungen verharmlost Götz die Gefahr, die von der drohenden Reichsexekution ausgeht, indem er die fehlende "Tapferkeit" (Seite 59, Zeile 7) der Helfer seiner Gegner herausstreicht und davon ausgeht, dass man seine militärischen Fähigkeiten sicher unterschätzen werde. Einmal mehr wird hier Götzens unerschütterlicher Optimismus sichtbar (Seite 59, Zeile 5ff.).

Nun von Sickingen auf seine zahlenmäßige Unterlegenheit angesprochen, entgegnet Götz von Berlichingen mit einer symbolischen Darstellung seiner Stärken, die mehrfach in diesem Drama auftaucht und von großer Bedeutung ist. Er sagt: "Ein Wolf ist einer ganzen Herde Schafe zu viel" (Seite 59, Zeile 17). Als den Wolf sieht er sich selbst, der, gleichsam den einfachen Naturgesetzen folgend, auf Nahrungssuche seine Beute reißt und dabei die - unnatürliche - Ordnung des Menschen, in der der Erwerb der Besitzergreifung vorausgeht, ignoriert. Hier versinnbildlicht Johann Wolfgang Goethe das Aufeinanderprallen der verschiedenen Rechtsordnungen am Ende des Mittelalters. Der althergebrachten Rechtsauffassung Götz von Berlichingens, in der das Faustrecht gilt und spontane, instinktive Entscheidungen dominieren, wird die moderne Auffassung des Reichsfriedensrechts nach den Grundsätzen der römischen Rechtsprechung gegenübergestellt, bei der nach festgelegten Normen und Schemen Entscheidungen getroffen werden. Mit der Charakterzuordnung der Personen des Dramas zu den jeweiligen Rechtsnormen macht Goethe deutlich, dass Götz dieses "neue Recht" höchst zuwider ist.

Auch im weiteren Verlauf dieser Szene wird das Handeln nach Verhaltensmustern abgelehnt, als nämlich Götz anmerkt, dass das militärische Vorgehen nach vorgeschriebenen Schlachtplänen, wie es von den Truppen der Reichsexekution zu erwarten ist, letztlich nicht zum Erfolg führen kann (Seite 59, Zeile 19ff.), lässt es doch die individuellen Begebenheiten der jeweiligen Situation außer Acht.

In der Folge gibt Götz selbst zu, dass er in großer Gefahr ist, denn er möchte seine Schwester Maria bald in sicherer Obhut seines Freundes Sickingen und nicht in seinem Schloss wissen (Seite 59, Zeile 33ff.). Wieder zeigt sich Götzens Charakter der Selbstlosigkeit. Indem er die Gefahren für sich selber leugnet oder über sie hinweggeht, lässt sich erahnen, dass er kein gutes Ende nehmen werde. Sein gestörtes Verhältnis zur Realität dieser eher als schlecht dargestellten Welt muss letztlich zum Scheitern führen und das erste große Unglück mit der Belagerung seines Schlosses Jagsthausen und seiner anschließenden Gefangennahme wird schon bald folgen.

Analog zu den Gegensätzen in den Rechtsauffassungen stellt Goethe in seinem Drama auch die völlig konträren Charaktere der Figuren Götz von Berlichingen auf der einen und Adelbert von Weislingen auf der anderen Seite gegenüber. Götz verkörpert den Helden, der mit den ritterlichen Tugenden Erbarmen, Milde, Ehre, Treue und ritterliches Benehmen ausgestattet ist und Gleichgesinnte wie den hier in Erscheinung tretenden Franz von Sickingen um sich schart. Sein Gegenpart Weislingen, der sogar gemeinsam mit Götz am Markgräfischen Hof erzogen wurde (Seite 20, Zeile 37ff.), hat ihm in fast allen Charakterbeschreibungen des Dramas (z. B. Seite 21, Zeile 31ff.) nur negative Eigenschaften entgegenzusetzen. Vor allem aber fehlt ihm im Vergleich zu Götz, Selbitz oder Sickingen ein wesentliches Merkmal eines Ritters: der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit (Seite 23, Zeile 36ff.). Stattdessen hat er sich aus Karieresucht zum "Vasallen" und "ersten Hofschranzen eines eigensinnigen neidischen Pfaffen" (Seite 22, Zeile 4ff.), nämlich dem Bischof von Bamberg gemacht.

Die Tragik des Helden Götz von Berlichingen liegt jedoch in seinen eigenen Tugenden begründet. Er erwartet von Adelbert von Weislingen die selbe ritterliche Treue und Loyalität, die ihm selbst zu eigen ist, als er lediglich dessen "Hand" (Seite 31, Zeile 13ff.) darauf verlangt, ihm künftig keinen Schaden mehr zuzufügen und Weislingen obendrein die "Hand" (Seite 31, Zeile 19ff.) seiner Schwester Maria dazu verspricht. Goethes Held wird Opfer seiner Tugendhaftigkeit.